„Die weiteste Reise ist die Reise zu sich selbst.“ – Dag Hammarskjöld
Polyvagal informierte Biografiearbeit
Jeder Mensch trägt seine Geschichte in sich – nicht nur als Erinnerung, sondern als lebendigen Entwicklungsweg.
Polyvagal informierte Biografiearbeit lädt dazu ein, die eigene Lebensspur bewusst zu betrachten, Krisen als Wandlungsimpulse zu erkennen und verborgene Sinnzusammenhänge zu erschließen. Polyvagal informierte Biografiearbeit eröffnet Räume, in denen Menschen ihre Lebensgeschichte nicht nur erinnern, sondern neu begreifen und gestalten können. Sie würdigt biografische Erfahrungen als körperlich und emotional verankerte Prozesse und versteht Krisen als Ausdruck adaptiver Schutz‑ und Bewältigungsstrategien. Polyvagal informierte Biografiearbeit verbindet das Erzählen der eigenen Geschichte mit körperlicher Wahrnehmung, Regulation und Ko‑Regulation. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Erinnerung und Reflexion, sondern die Schaffung von Sicherheit und Regulation im Hier und Jetzt.
Wir würdigen das Vergangene, verstehen das Gegenwärtige und gestalten das Kommende.
Dabei geht es nicht um Diagnosen, sondern um Resonanz. Um das Lauschen auf innere Bewegungen, um das Erkennen von Sinnspuren, um das Vertrauen in den eigenen Lebensstrom.
Was bedeutet polyvagal informierte Biografiearbeit?
„Körperliches Selbstbewusstsein ist der erste Schritt, um die Tyrannei der Vergangenheit loszuwerden.“ — Bessel A. van der Kolk
Bottom‑up‑Ansätze und das Erbe von Descartes
Vom Körper zum Verstehen: Lange Zeit war psychologische Arbeit vom cartesianischen Weltbild geprägt, das Denken und Körper voneinander trennte. Moderne Erkenntnisse zeigen jedoch: Regulation beginnt im Körper.
Bottom‑up‑Ansätze gehen davon aus, dass:
- das Nervensystem die Grundlage für Erleben und Verhalten bildet
- Sicherheit nicht gedacht, sondern gespürt wird
- Veränderung über Wahrnehmung, Körperzustände, Rhythmus und Beziehung entsteht
In der Biografiearbeit bedeutet dies:
- Erfahrungen werden nicht nur erzählt, sondern verkörpert verstanden
- Schutzreaktionen werden als sinnvolle Anpassungen gewürdigt
- Regulation hat Vorrang vor Deutung
So wird biografische Reflexion zu einem Prozess, der Sicherheit, Selbstwahrnehmung und Integration fördert – ohne Überforderung.
Die Polyvagal-Theorie
„Die Wissenschaft, sich sicher genug zu fühlen, um sich in das Leben zu verlieben und die Risiken des Lebens einzugehen.“ — Deb Dana
Das Nervensystem als Schlüssel zum Verstehen: Die Polyvagal‑Theorie wurde vom Neurophysiologen Stephen W. Porges entwickelt. Sie beschreibt, wie das autonome Nervensystem auf wahrgenommene Sicherheit oder Gefahr reagiert. Die klinische Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin Deb Dana hat diese Theorie in praxisnahe, traumasensible Arbeitsweisen übersetzt.
Zentral ist die Annahme, dass unser Nervensystem nicht primär auf bewusste Entscheidungen reagiert, sondern auf Neurozeption – eine unbewusste Erkennen von Sicherheit, Bedrohung oder Überforderung (inneres Überwachungsprogramm). Das autonome Nervensystem reagiert auf Hinweise von Sicherheit, Gefahr und Lebensbedrohung. Dies geschieht innerhalb unseres Körpers, außerhalb in der Umgebung um uns herum sowie in der Beziehung zwischen uns und anderen.
Die drei Zustände des autonomen Nervensystems
Hierarchie - drei vorhersagbare Reaktionspfade
Ventral‑vagaler Zustand – Sicherheit und Verbindung
In diesem Zustand sind wir präsent, verbunden und reguliert. Lernen, Beziehung und Selbststeuerung sind hier gut möglich (Geschichte der Möglichkeiten).
Sympathische Mobilisierung – Kampf oder Flucht
Bei wahrgenommener Gefahr entsteht Aktivierung: Anspannung, Unruhe oder Angst. Dieser Zustand ist sinnvoll, wird jedoch belastend, wenn er dauerhaft anhält (Geschichte einer unsicheren Welt und unsicherer Menschen).
Dorsal‑vagaler Zustand – Rückzug und Erstarrung
Bei überwältigender Bedrohung kann es zu Erschöpfung, Rückzug oder emotionaler Taubheit kommen. Auch dies ist ein Schutzmechanismus, der jedoch langfristig einschränkend wirkt (Geschichte der Verzweiflung).
Polyvagal informierte Arbeit
Regulation vor Interpretation: Polyvagal informierte Begleitung zielt nicht darauf ab, Symptome zu kontrollieren oder zu unterdrücken. Im Mittelpunkt stehen:
- die Förderung von Sicherheit und Regulation
- die Wiederherstellung autonomer Flexibilität
- die schrittweise Erweiterung von Belastbarkeit
- körper‑ und nervensystemorientierte Zugänge
Sicherheit wird dabei nicht nur verstanden, sondern physiologisch erfahrbar.
Co‑Regulation
Sicherheit entsteht in Beziehung: Ein zentrales Element polyvagal informierter Arbeit ist Co‑Regulation. Sie beschreibt die Fähigkeit des Nervensystems, sich in sicherer Beziehung zu einem anderen Menschen zu beruhigen und zu stabilisieren. Bevor wir uns selbst regulieren können, lernen wir Regulation zunächst im Kontakt mit anderen.
Unser autonomes Nervensystem reagiert fortlaufend auf Signale aus der Umgebung – auf Stimme, Blickkontakt, Präsenz, Rhythmus und Haltung. In einem achtsamen, zugewandten Gegenüber kann das Nervensystem Sicherheit wahrnehmen und aus Zuständen von Anspannung, Rückzug oder Überforderung wieder in mehr Ruhe und Verbundenheit finden.
In der polyvagal informierten Biografiearbeit bedeutet Co‑Regulation, dass belastende Themen nicht allein „durchgearbeitet“ werden müssen. Stattdessen entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem Regulation, Orientierung und Stabilität im Vordergrund stehen. Erst wenn das Nervensystem ausreichend Sicherheit erlebt, wird es möglich, biografische Erfahrungen zu betrachten, zu integrieren und neu einzuordnen.
Co‑Regulation ist dabei kein aktives „Beruhigen“, sondern ein
fein abgestimmtes Miteinander, das Selbstwahrnehmung stärkt und langfristig die Fähigkeit zur Selbstregulation unterstützt.
Biografiearbeit bezeichnet die bewusste, strukturierte Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Sie dient dazu, Erfahrungen aus der Vergangenheit zu reflektieren, Muster zu erkennen und neue Perspektiven für die Gegenwart und Zukunft zu entwickeln. Gemeinsam erkunden wir Lebenslinien, erkennen prägende Muster und würdigen Wendepunkte. Jeder Lebensabschnitt trägt seine eigene Aufgabe – nicht zufällig, sondern eingebettet in ein tieferes Sinngefüge. Biografiearbeit bedeutet, diesen Weg bewusst zu betrachten: mit Würde, mit Staunen und mit der Bereitschaft, Wandlung zuzulassen. Viele unserer inneren Überzeugungen, Beziehungsmuster und Lebensentscheidungen sind tief mit unserer Herkunft verbunden. Gemeinsam erkunden wir, wie familiäre Erfahrungen und transgenerationale Einflüsse das heutige Erleben formen – und wie man sich davon lösen oder neu positionieren kann. Ob Sie sich neu orientieren möchten, belastende Erfahrungen integrieren möchten oder einfach neugierig auf die eigene Geschichte sind – Biografiearbeit bietet Raum für Klarheit und Entwicklung.
Biografiearbeit bedeutet, die eigene Lebenslinie mit Achtsamkeit und Struktur zu erforschen. Dabei geht es um:
- das Verstehen von prägenden Erfahrungen und familiären Einflüssen
- das Erkennen von wiederkehrenden Mustern und inneren Überzeugungen
- das Würdigen von Wendepunkten, Krisen und Ressourcen
- das Entwickeln neuer Sichtweisen für Gegenwart und Zukunft
- Ob in Einzelberatung, Paartherapie oder systemischer Prozessbegleitung – Biografiearbeit schafft Raum für Klarheit, Selbstwirksamkeit und emotionale Integration.
Für wen ist polyvagal informierte Biografiearbeit geeignet?
Polyvagal informierte Biografiearbeit richtet sich an Menschen, die ihre persönliche Entwicklung vertiefen möchten, sich in Phasen von Krise, Übergang oder Neuorientierung befinden oder ihre Lebensgeschichte nicht nur verstehen, sondern in Verbindung mit ihrem Nervensystem neu gestalten wollen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie biografische Erfahrungen im Körper und im autonomen Nervensystem gespeichert sind. Viele Lebensereignisse – insbesondere belastende oder frühe Erfahrungen – wirken nicht nur auf der Ebene von Erinnerung und Denken, sondern prägen unbewusst unsere innere Sicherheit, unsere Beziehungsmuster und unsere Fähigkeit zur Regulation.
In einem geschützten, regulierenden Rahmen erkunden wir gemeinsam Lebensphasen, Übergänge und innere Bewegungen. Dabei wird darauf geachtet, dass das Nervensystem ausreichend Sicherheit erlebt, um sich öffnen zu können. Erst auf dieser Grundlage wird biografische Reflexion möglich, ohne zu überfordern.
Persönliche Entwicklung mit Tiefe
Sie möchten sich persönlich weiterentwickeln und Ihre Lebensgeschichte als Ressource nutzen? In meiner Praxis finden Sie Raum für Reflexion, Wachstum und kreative Neuausrichtung.
Ihre Geschichte als Wegweiser
Sie befinden sich in einer Lebenskrise oder stehen vor einer wichtigen Neuorientierung? Biografiearbeit kann helfen, Klarheit zu gewinnen, Übergänge zu gestalten und innere Stabilität zu fördern.
Erinnern. Verstehen. Wandeln.
Sie möchten Ihre Geschichte nicht nur erzählen, sondern aktiv gestalten? Ich begleite Sie dabei, neue Perspektiven zu entdecken und Ihre Erfahrungen in etwas Sinnvolles zu verwandeln.
Biografiearbeit im digitalen Raum?
Biografiearbeit online gilt als ressourcenorientierte Methode zur Reflexion individueller Lebensverläufe. Sie fördert Selbstverstehen, Sinnkonstruktion und die Integration biografischer Erfahrungen in aktuelle Entwicklungsprozesse. Im digitalen Setting ermöglicht sie ortsunabhängige, geschützte Begegnung mit der eigenen Geschichte.
Studien – etwa durch Dellemann et al. (2022) - sowie Praxiserfahrungen zeigen, dass Online-Biografiearbeit besonders geeignet ist für:
- Selbstbestimmte Reflexion in vertrauter Umgebung
- Flexible methodische Gestaltung (z. B. Lebenslinien, Symbolarbeit, digitale Rituale)
- Zugänglichkeit für diverse Zielgruppen, auch bei räumlicher oder emotionaler Distanz
„Biografiearbeit Online ist eine spezielle Form von Biografiearbeit, die nicht neu ist, jedoch vor allem durch die Pandemie groß an Bedeutung gewonnen hat. Diese Form des Angebotes im digitalen Raum wird sich in den nächsten Jahren weiter etablieren.“(Dellemann, Kaya & Ramsauer, 2022, S. 14)
Literaturverweis: Dellemann, S., Kaya, T.A.K. & Ramsauer, E. (2022).
Praxishandbuch Biografiearbeit Online: Lebensgeschichten digital begegnen. Weinheim: Beltz Juventa.

